Ermittlung des niedrigeren gemeinen Wertes

Thomas Gussor • 24. April 2024

Was ist das und was bringt es?

Bei einer Erbschaft oder Schenkung setzt das Finanzamt auf der gesetzlichen Grundlage des Bewertungsgesetzes den gemeinen Wert (bei Grundbesitzwert) einer Immobilie oder Liegenschaft fest. Die Bewertung erfolgt in der Regel durch den zuständigen Sachbearbeiter der Finanzbehörde vom Schreibtisch aus. Die verwendeten Werte stammen vom Gutachterausschuss. Der Gutachterausschuss liefert Vergleichspreise, Bodenrichtwerte und ggf. auch Sachwertfaktoren sowie Umrechnungskoeffizienten. Die Werte wurden aus allen Kaufpreisen, die dem Gutachterausschuss von den Notaren vorgelegt werden, ermittelt. Die Objektbesichtigung gehört nicht zu den Aufgaben des Finanzamtes, da dies für die Anzahl der Bewertungsfälle zu aufwendig wäre. Hier ist der Sachverständige für den Steuerpflichtigen sowie die Finanzämter durch die Immobilienbewertung unterstützend tätig.

Das Bewertungsverfahren der Behörde basiert zwar auf den Daten der Gutachterausschüsse, berücksichtigt aber nicht die tatsächlichen örtlichen Gegebenheiten wie in der Immobilienbewertung.


Somit entsteht eine gewisse Streuung im Bereich des festgesetzten gemeinen Wertes. Der festgestellte Wert kann mal zu hoch oder mal zu tief ausfallen. Fällt die Bewertung des Finanzamtes zu hoch aus, hat der Gesetzgeber zum Schutze des Steuerpflichtigen die Möglichkeit gegeben, den niedrigen gemeinen Wert nachzuweisen. Dies erfolgt durch den Öffnungsparagraphen § 198 („Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts“ des Bewertungsgesetzes (BewG). Die Immobilienbewertung stellt den Verkehrswert zum Zeitpunkt des Erbfalls fest und spart in der Regel erhebliche Erbschaftssteuer.

Der Steuerpflichtige erbringt den Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts durch ein Sachverständigengutachten. Der Sachverständige ermittelt in der Immobilienbewertung den Verkehrswert. Der Verkehrswert entspricht dem gemeinen Wert.


Der Begriff des Sachverständigen ist in Deutschland leider nicht geschützt. Dies führt in der Praxis immer wieder zu Problemen.


Insbesondere bei Verkehrswertermittlungen für Ämter, Behörden oder im Rahmen von gerichtlichen Auseinandersetzungen ist die Auswahl des richtigen Sachverständigen von Bedeutung.


Ein bekanntes Qualitätsmerkmal für einen besonders sachkundigen und erfahrenen Sachverständigen ist die öffentliche Bestellung und Vereidigung. Als gleichwertig wird von der Rechtsprechung und der juristischen Literatur eine Personenzertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 angesehen.


So heißt es in § 198 BewG:

(2) Als Nachweis des niedrigeren gemeinen Werts kann regelmäßig ein Gutachten des zuständigen Gutachterausschusses im Sinne der §§ 192 ff. des Baugesetzbuchs oder von Personen, die von einer staatlichen, staatlich anerkannten oder nach DIN EN ISO/IEC 17024 akkreditierten Stelle als Sachverständige oder Gutachter für die Wertermittlung von Grundstücken bestellt oder zertifiziert worden sind, dienen.
§198 BewG


Problem: die meisten Zertifizierungsstellen sind nicht DAkkS-akkreditiert


Das Bewertungsgesetz stellt klar, dass damit nur solche Personenzertifizierungen gemeint sind, die von einer Zertifizierungsstelle vergeben werden, die bei der Deutschen Akkreditierungsstelle akkreditiert ist.


Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Blogbeitrages sind insgesamt 6 Zertifizierungsstellen für den Bereich Immobilienbewertung bei der DAkkS akkreditiert:

  • DIAZert
  • Sprengnetter Zertifizierung
  • IQ-Zert
  • EIPOSCERT
  • Hochschule Anhalt (Izert)
  • HypZert


Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass z.B. das Finanzamt das Verkehrswertgutachten eines Sachverständigen, der entweder gar nicht nach ISO 17024 zertifiziert ist oder bei einer nicht akkreditierten Zertifizierungsstelle tätig ist, zurückweisen kann, ohne dass eine inhaltliche Prüfung des Gutachtens erforderlich ist.


In der Praxis kommt es immer häufiger vor, dass ein solcher Sachverständiger abgelehnt wird.

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von Thomas Gussor 11. Januar 2025
Neue Grundsteuer in Dresden: Steigerungen um bis zu 300 Prozent. Am 9. Januar versendet Dresden 105.000 neue Grundsteuerbescheide (meldet die Sächsische Zeitung am 06.01.2025). Die ersten Bescheide über den Grundsteuerwert oder die Äquivalenzbeträge und den Grundsteuermessbetrag dürften in den allermeisten Fällen längst da sein. Da für diese Bescheide eine Einspruchsfrist von einem Monat gilt, ist es für einen Einspruch in der Regel schon zu spät. Die Erfolgaussichten bei einem solchen Einspruch waren aber lange gering. Erst mit Beschlüssen des Bundesfinanzhofs (BFH) vom 27. Mai 2024 kam Bewegung in die Sache (Az. II B 78/23 (AdV), Az. II B 79/23 (AdV)). Der wichtigste Punkt bei diesen Entscheidungen zu zwei Einzelfällen versteckt sich weit unten in der Begründung des Gerichts. Der BFH beschäftigte sich mit der Frage, ob die pauschale Bewertung mit Durchschnittswerten von Grundstücken immer vom Recht gedeckt ist. Denn genau das passiert bei der Ermittlung der neuen Grundsteuer. So ist zum Beispiel der Bodenrichtwert, der ein Maß für den Wert des Grundstücks ist, immer für ein relativ großes Gebiet gleich. Ebenso spielt bei der Berechnung des Grundsteuerwerts eine hypothetische Nettokaltmiete eine Rolle. Auch das ist ein Wert, der im Einzelfall erheblich von der Realität abweichen kann. Das Gericht ist deshalb der Meinung, dass Betroffene die Chance erhalten müssen, einen niedrigeren Wert nachzuweisen – allerdings nur, wenn dieser deutlich unter dem vom Finanzamt ermittelten liegt. Mindestens 40 Prozent müsse der vom Finanzamt ermittelte Grundsteuerwert über dem selbst nachgewiesenen Verkehrswert der Immobilie liegen. Das heißt im Umkehrschluss, dass der selbst bestimmte Verkehrswert mindestens rund 29 Prozent unter dem Grundsteuerwert liegen müsste. Die elf Bundesländer, die das Bundesmodell für die Grundsteuer nutzen, haben die Forderungen des BFH schnell umgesetzt. Das sind Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen , Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Wie sollten Sie vorgehen, wenn Sie der Meinung sind, dass der Grundsteuerwert zu hoch angesetzt ist? Vorab der Hinweis: Es geht um Fälle, für die Sie Ihre Grund­steu­er­er­klä­rung schon längst abgegeben haben sollten. Alle Angaben beziehen sich deshalb auf den sogenannten Hauptfeststellungszeitpunkt 1. Januar 2022. Prüfen Sie unbedingt nochmals Ihren Bescheid über den Grundsteuerwert. Wie das geht, konnen Sie hier detailliert nachlesen . Wenn Sie der Meinung sind, dass Ihr Bodenrichtwert viel zu hoch ist, weil Ihr Grundstück zum Beispiel am Hang liegt, sich im Außenbereich befindet oder eine weitere Bebauung nicht möglich ist, haben Sie einen ersten Anhaltspunkt. Oder wenn die hypothetische Nettokaltmiete im Bescheid deutlich höher ist als die, die Sie jemals erzielen könnten. Das gilt übrigens auch, wenn Sie das Haus selbst bewohnen. Nur wenn Sie überhaupt erste Indizien für einen zu hohen Grundsteuerwert finden, sollten Sie über Maßnahmen nachdenken. Das sehen die Erlässe so vor: Sie müssen nachweisen, dass Ihr Grundstück zum 1. Januar 2022 deutlich weniger wert war als der vom Finanzamt ermittelte Grundsteuerwert. In Zahlen: Der Grundsteuerwert muss mindestens 40 Prozent über dem sogenannten gemeinen Wert (Verkehrswert) Ihres Grundstücks liegen. Hier finden Sie ein Merkblatt des Landesamt für Steuern und Finanzen des Freistaats Sachsen . Wichtig : Das Gutachten muss von einer Person, die als Sachverständiger oder Gutachter für die Wertermittlung von einer staatlichen Stelle bestellt oder zertifiziert worden ist, erstellt werden. Achtung : Gutachter, die nicht von einer Personenzertifizierungsstelle zertifiziert wurden, die von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) akkreditiert worden sind, werden regelmäßig von den Finanzämtern abgelehnt. Hier finden Sie die Liste der DAkkS-akkreditierten Zertifizierungsstellen . Als zertifizierter Sachverständiger führe ich für Sie eine kostengünstige Vorprüfung durch. Sollte diese Vorprüfung ergeben, dass der Grundsteuerwert um mindesten 40 Prozent über dem gemeinen Wert (Verkehrswert) liegt, können Sie mich beauftragen, ein Verkehrswertgutachen zu erstellen. Die Kosten der Vorprüfung werden in diesem Fall mit dem Honorar des Gutachtens verrechnet.
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von Thomas Gussor 30. April 2024
Das Hauptziel des Gebäudeenergiegesetzes ist es, dass Heizsysteme installiert werden, die langfristig zu mindestens 65 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden. Allerdings ist die Unsicherheit groß.
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Due Diligence - was ist das? Due Diligence bezeichnet die „gebotene Sorgfalt“, mit der beim Kauf bzw. Verkauf von Immobilien das Vertragsobjekt im Vorfeld der Akquisition geprüft wird. Due-Diligence-Prüfungen beinhalten insbesondere eine systematische Stärken-/Schwächen-Analyse des Objektes, eine Analyse der mit dem Kauf verbundenen Risiken sowie eine fundierte Bewertung des Objektes. Geprüft werden wirtschaftliche, rechtliche, finanzielle, technische und umweltbezogene Sachverhalte.
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